Werk und Komponist

Der Zigeunerbaron

Zur Handlung

Nach der Verbannung seines Vaters wurde der junge Adelige Sandor Barinkay im Exil geboren und hat – sei es aus Zwang oder aus Abenteuerlust - „die ganze Welt bereist“. Nach einem weiteren Krieg hat sich die politische Fahne in seiner Heimat Siebenbürgen wieder gedreht und er kann es nun wagen, das Land seiner Väter zu besuchen. Doch dort hat niemand auf ihn gewartet und er findet die Güter seiner Väter vom Schweinezüchter Zsupan annektiert. In der Gegend leben auch Zigeuner, denen es unter der jetzigen Herrschaft  schlecht geht. Teils wohl aus Nostalgie und halb aus Berechnung, offerieren diese dem mausarmen Flüchtling, ihn zu ihrem Oberhaupt zu ernennen, zu ihrem „Zigeunerbaron“. Dieser weiss zuerst wenig mit dieser Ehre anzufangen. Er akzeptiert dann aber doch, um dank seines neuen Renommees um die die Hand der schönen Schweinezüchter-Tochter Arsena anhalten zu können. Als diese ihn höhnisch ablehnt, verliebt er sich innerhalb von einigen Dutzend Takten Musik stattdessen in die Zigeunerin Saffi.

Mit ihr lebt er ab diesem Zeitpunkt in wilder Ehe, hat Jetzt zwar Untertanen, trotzdem ist es ihm nicht vergönnt, in der bürgerlichen Gesellschaft Ansehen und seinen Besitz zurückzugewinnen. Doch da taucht plötzlich eine Chance auf: Die Kaiserin wird von allen Seiten kriegerisch bedrängt und sucht verzweifelt Soldaten. Auch in seiner Gegend zieht ein Werber durch die Dörfer und schreibt jeden halbwegs Willigen zum Kriegsdienst ein. Wer keine Lust verspürt, wird mit Musik und Drogen in Stimmung gebracht. Als Zsupan auf seine mannigfaltigen Gebrechen und Zipperlein hinweist, wird er öffentlich als Feigling verspottet. Schliesslich wagt es keiner mehr, sich um den Kriegsdienst zu drücken.  Unter so dringlichen Umständen sind sogar Zigeuner und ehemalige Staatsfeinde willkommenes Kanonenfutter. Barinkay verlässt seine bestürzte Braut, doch zuvor erfahren die beiden Frischverheirateten noch, dass die Zigeunerin Saffi eigentlich die Tochter des letzten türkischen Paschas war.

Im dritten Akt kehren die Männer als Sieger zurück. Zsupan erzählt mit Genuss, wie er die feindlichen Soldaten niedergemetzelt und ausgeraubt, die Frauen belogen und bestohlen hat, und findet allseitigen Beifall. Als strahlender Kriegsheld erhält Barinkay nun auch offiziell den Titel eines Barons, die Güter seiner Väter zurück und kann seine Saffi endlich legal heiraten.

Zur Musik

So verschieden und vielschichtig die Figuren im Zigeunerbaron sind,  alle werden von Strauss’ Musik durchdrungen und getragen, die wie aus einem magischen Füllhorn fliesst. Dabei schwankt die Musik zwischen einfacheren Couplets, wie sie für die meist von Schauspielern gesungenen Operette typisch waren, und längeren, vielschichtigen Nummern wie die grossen Finali, die jeder komischen Oper Ehre machen würden. Diese spannenden Unterschiede rühren vermutlich daher, dass Strauss eigentlich darauf spekuliert hatte, die Uraufführung an der Wiener Hofoper stattfinden zu lassen. Sein Librettist wollte diese aber von Anfang an am Theater an der Wien herausbringen, dessen Leitung er übernehmen wollte. Beide arbeiteten also permanent auf ein jeweils anderes Zielpublikum hin. Dadurch ist die Musik nicht nur besonders vielfältig und reizvoll, sondern es bestehen auch häufig mehrere Fassungen und viel Gelungenes wurde schon vor der ersten Aufführung wieder verworfen. Es war somit eine spannende Aufgabe, das Material so anzuordnen, dass es dramatisch und musikalisch gleichermassen sinnvoll ist.

Weitere spannende Hintergrundinformationen »

Zum geschichtlichen Hintergrund der Operette

Das Textbuch beruht auf der bekannten Novelle "Saffí" des ungarischen Dichters und Politikers Maurus Jókai. Während uns viele Aspekte der Handlung recht märchenhaft vorkommen, war sie für Ihre Zeit in einen aussergewöhnlich realistischen, genauen geschichtlichen Rahmen gesetzt:

Sie spielt in Siebenbürgen, heute der ungarisch sprechende Teil Rumäniens. Dies war damals ein Teil Ungarns, bis es der türkische Sultan Suleyman im Jahr 1526 erobert und seinem osmanischen Reich unterstellte. Im zweiten Türkenkrieg wurde Siebenbürgen  massiv zerstört  und fiel an die Habsburger. Diese nutzten diesen westlichsten Winkel ihres Reiches, um Protestanten und andere ungeschätzte Untertanen zwangsweise dorthin umzusiedeln. Dadurch entstand ein noch größeres Gemisch ganz verschiedener Volksgruppen.

Der Vater unseres Helden stand im zweiten Türkenkrieg auf der falschen Seite und darum wurde er vom türkischen Pascha verbannt. Als nun der deutsch-österreichische Kaiser 1740 starb und keine Söhne hinterliess, wurde seine Tochter Maria Theresia zur Nachfolgerin erkoren. Die unübliche Tatsache, dass eine Frau das österreichische Erbe antreten sollte, wurde von Herrschern in halb Europa zum Anlass genommen, auf Teile eben dieses Reiches Anspruch zu erheben. Von verschiedenen Seiten kriegerisch bedrängt, musste sie rasch genug Soldaten und fähige Offiziere rekrutieren, Dieser Mangel an Soldaten führte zur Begnadigung vieler ehemaliger Gegner.

Dies erlaubt dann verbannten Adeligen, wie unserem Barinkay, endlich wieder in ihre Länder zurückzukehren. Es dauerte fast acht Jahre, bis Maria Theresia ihre Stellung wirklich sichern konnte. Während dieser Zeit kämpfte sie auch mit Friedrich II um Schlesien und genau für diesen Feldzug werden im zweiten Akt die Männer angeworben.

Die Operette im Vielvölkerstaat

Das Habsburgerreich umschloss und vermischte viele Völker. Für Siebenbürgen galt dies in extremis: Dort lebten Ungaren, Rumänen, Österreicher, Zigeuner. Und so geht es im Zigeunerbaron denn auch immer wieder um Identität und Heimat. Welche Stellung hat jemand in dieser Gesellschaft und wodurch wird diese Stellung bestimmt und legitimiert? Wirkt diese in einem stabilen Staat oft gottgegeben, haben sie sich durch Krieg und eine neue Herrschaft in ihr Gegenteil verkehrt. Der Fürst kann zum Flüchtling, die Prinzessin zur Bettlerin werden und durch die zeitnahe geschichtliche Entwicklung kann sich dies auch wieder umkehren.

Nichts ist hier eindeutig und so schillern die Figuren auch charakterlich auf überaus moderne Weise:

Ist Barinkay ein guter Führer der Zigeuner oder benutzt er sie, um seine Ziele zu erreichen? Ist die alte Zigeunerin Czipra eine hellsichtige Prophetin oder eine manipulierende Trickserin? Ist Zsupan ein rechtmässiger, fleissiger Unternehmer oder hat er sich seinen Besitz mit Gewalt und Betrug unter den Nagel gerissen?

Wie hier die Menschen aller Schichten versuchen, ihren persönlichen Status zu verbessern und dabei die Welt so zu sehen und darzustellen, wie es diesem einen Ziel hilft, ist nicht nur spannend und unterhaltsam, sondern hat auch viel mit uns und unserer Zeit zu tun.

Moral und Skandal

Obschon die Kaiserin selbst anscheinend 16 Kinder hatte, war sie auch berüchtigt für ihre Sittenpolizei. im Zigeunerbaron ist es Graf Carnero, der die Wiener Sittenkommission vertritt. Nur schon, dass Barinkay aus Trotz oder einer Laune die Zigeunerin Saffi heiratet, schockiert das ehrbare Bürgertum. Das folgende Leben in wilder Ehe, also ohne den Segen des Staates oder der Kirche, empfand sicher nicht nur den Sittenwächter Graf Carnero als befremdlich, auch dem Wiener Publikum der Uraufführung wird eine Mischung aus Kitzel und Skandal über den Rücken gelaufen sein. Wenn das Paar im berühmten Lied erzählt, dass der Dompfaff sie getraut habe, romantisieren sie ihre Ehe einerseits als von der ganzen Natur gesegnete, andererseits ist es eine ironische Legitimierung, dass die Ehe nicht von einem Landpfarrer, sondern sogar von einem Bischof getraut wurde.

Dieser Konflikt mit der Wiener Sittenkommission und der katholischen Moral beschäftigte Strauss in dieser Zeit sogar sehr persönlich: seine erste Ehefrau hatte ihn für den Direktor des Theaters an der Wien verlassen, ausgerechnet des Theaters, an dem die meisten Operetten von Strauß uraufgeführt worden waren.  Da seine Ehefrau noch lebte, war es ihm im katholischen Österreich verboten, wieder zu heiraten. Also liessen sich Strauss und seine dritte Frau kirchlich in Siebenbürgen trauen, wo eine Wiederverheiratung legal war, also in der Gegend in der unsere Operette spielt! Er legte sogar zwei Jahre nach der Uraufführung seine Österreichische Staatsbürgerschaft nieder, um Bürger des Herzogtums Sachsen-Coburg und Gotha zu werden. Um seine Frau auch zivil heiraten zu können, traten beide sogar zum protestantischen Glauben über.

Johann Strauss Sohn - Leben und Anerkennung

Schon sein gleichnamiger Vater war ein bekannter Komponist von Tanzmusik. Da dieser jedoch seine Frau und die Kinder früh verlassen hatte, war der Sohn schon in jungen Jahren für die Ernährung der Familie zuständig. Sein erster Auftritt in einem bekannten Casino in Hitzing war ein grosser Erfolg und in der Folge führten ihn Tourneen durch ganz Europa und nach Nordamerika. Kein geringerer als Offenbach ermunterte ihn, Operetten zu schreiben und in der Folge schuf er die wohl größten Meisterwerke der Wiener Operette.

Während wir heute dazu tendieren, Johann Strauss als einen genialen, aber eher lokal verhafteten Komponisten von Tanzmusik und Operetten anzuschauen, quasi als eine Art Vorgänger von Andrew  Lloyd Webber, war er zu seiner Zeit nicht nur schon in der ganzen Welt berühmt, sondern wurde auch von seinen besten Kollegen hochgeschätzt.

Er sammelte Orden und Auszeichnungen wie andere Leute Briefmarken und war – dies sei bloss der Kuriosität halber angeführt -  Ritter des Franz-Joseph-Ordens, der französischen Ehrenlegion, des Sachsen-Ernestinischen Hausordens, des Badischen Zähringer Löwenordens, des spanischen Isabellaordens, des spanischen Ordens Carls III. und des Mauritius- und Lazarus-Ordens. Das dürfte mindestens unter Musikern wohl ein einmaliger Rekord sein. Der grosse Johannes Brahms sagte über ihn: „Er ist der Einzige, den ich beneide – er trieft von Musik, ihm fällt immer etwas ein.“

Text: Caspar Dechmann